Gästeblog | Eure Gedanken-Ecke

Erzählt uns die Geschichte von eurem Sternenkind…

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Anonym schrieb am 28. Februar 2018:
gestern den 27. Februar waren es genau 3 Jahre her, dass ich dich verloren habe. Ich denke immer noch sehr oft an dich und was wohl aus dir geworden wäre, wenn du hättest zu uns kommen dürfen.
Dabei hast du mir auch so trotzdem drei große Geschenke gemacht.
Aber von vorne. Zuerst wollte dein Papa nämlich nicht wirklich Papa werden. Wir waren zwar schon sehr lange verheiratet (fast 10 Jahre) und noch länger zusammen. Aber eigene Kinder haben wollte er nicht. Als Scheidungskind hatte er erlebt, was es heißt von einem Elternteil getrennt zu sein. Er hatte große Angst vor der Verantwortung. Außerdem wollte er mich auch nicht mit jemand anderem teilen müssen. Wir haben viel darüber diskutiert, sind aber nicht wirklich zu einer gemeinsamen Entscheidung gekommen.
Mein Wunsch nach einem Kind war so groß und stark, dass es mich fast zerrissen hat, mit deinem Papa zusammen zu bleiben in der Gewissheit keine Kinder zu bekommen. Er hat das auch gesehen und irgendwann den Entschluss gefasst, dass es besser ist, sich auf das Abenteuer einzulassen, als seine Frau irgendwann zu verlieren.

Und hier kommen wir zu dem ersten Geschenk, dass du mir gemacht hast. Die Gewissheit, dass ich in meinem Alter (37) überhaupt schwanger werden konnte. Denn schon nach 4 Monaten üben, war ich mir sicher, dass ich schwanger bin. Über Weihnachten hatte ich schon vorsichtshalber keinen Alkohol getrunken und an Silvestermorgen war der Schwangerschaftstest tatsächlich positiv. Ich war ganz aus dem Häuschen. Allerdings hatte ich auch ein mulmiges Gefühl es deinem Papa zu sagen. Er hat sich aber auch offensichtlich gefreut. Wollte unbedingt ein Foto vom Schwangerschaftstest geschickt bekommen.
Beim ersten Termin beim Frauenarzt war ich in der 6. Woche schwanger. Auf dem Ultraschall habe ich einen kleinen Krümel gesehen in dessen Mitte schon ein ganz kleines Herzchen pulsiert hat. Ganz stolz haben wir der Familie, unseren Freunden und unseren Arbeitskollegen von dir erzählt und erste Bilder von unserem Krümelchen in der Welt verschickt. Ich habe meine Hebamme Isabelle angerufen und direkt einen Termin mit ihr vereinbart. Alles lief gut, ich war zwar zwischendurch mal erkältet, aber nix dramatisches.

Kurz vor Fastnacht hatten wir dann wieder einen Termin beim Frauenarzt. Ich war in der 11. Woche. Dein Papa kam mit, um dich auch auf dem Ultraschall zu sehen.
Dann kam der Schock. Während der Untersuchung sah ich dich auf dem Bildschirm, aber es pulsierte nichts. Der Arzt versuchte noch mehrere Blickwinkel einzustellen – aber nichts. Er sagte dann ziemlich unverblümt: „Sie sehen ja selbst, da ist kein Herzschlag zu sehen. Das Kind ist tot. Bitte ziehen sie sich an, den Rest besprechen wir dann drüben“ und ging ins andere Zimmer.
Ich war so geschockt, ich konnte kaum Luft holen. Deinem Papa ging es genauso. Wir sind dann wie betäubt ins Sprechzimmer gegangen. Wo der Arzt dann die verschiedenen Möglichkeiten aufgezählt hat: Abwarten bis es von selber abgeht – hat aber viele Risiken, er würde eine Ausschabung empfehlen. In welches Krankenhaus ich den gehen wollte? – Seine Sprechstundenhilfe würde uns dann die Einweisung mitgeben und uns die Telefonnummer raussuchen, damit wir einen Termin im Krankenhaus machen können. Den Rest habe ich wie in Trance erlebt. Die Sprechstundenhilfe hat uns ins Labor gelotst, damit wir nicht ins Wartezimmer mussten, hat alle Papiere fertig gemacht und uns dann damit verabschiedet, dass wir, wenn alles rum ist , einen Termin zur Nachkontrolle machen können und Tschüß.
Im Auto angekommen, sind bei mir alle Dämme gebrochen. Ich habe wie wild rumgeheult. Dein Papa hingegen war nur wütend. Am liebsten wäre er wieder zurück in die Praxis gegangen und hätte den Arzt für seine unsensible Art nachträglich aus dem Fenster geschmissen.

Ich habe zuerst versucht im Krankenhaus anzurufen. Hatte da aber niemanden auf der Station ans Telefon bekommen. In meiner Verzweiflung habe ich dann meine Hebamme Isabelle angerufen. Die hat nur gesagt, wir sollten zuerst mal nach Hause fahren, zur Ruhe kommen und sie wäre in einer Stunde bei uns und wir könnten dann alle Möglichkeiten besprechen.
Isabelle hat uns dann aufgeklärt, dass es durchaus möglich ist, dass man auch den natürlichen Abgang abwarten kann. Sie hat uns die Risiken erklärt (mögliche unkontrollierte Blutungen), aber auch mit komischen Vorstellungen aufgeräumt, die im Kopf herumschwirren. Es kann beim Abwarten nicht zu einer Vergiftung oder ähnlichem kommen. Das Kind ist weiterhin in seiner Fruchthöhle geschützt. Wenn der Körper selbst erkannt hat, dass da kein Leben mehr in der Fruchthöhle ist und bereit ist loszulassen, kommt es zu einer kleinen Geburt. Es gibt leichte Wehen, der Muttermund öffnet sich leicht und die Fruchthöhle und die Nachgeburt können abgehen.
Bei einer Ausschabung, wie vom Frauenarzt empfohlen, wird unter Narkose der Muttermund hingegen gewaltsam geöffnet und die Gebärmutter mit einem Curettagelöffel ausgeschabt, um den Fötus und die Nachgeburt zu entfernen. Hierbei wird auch die Gebärmutterschleimhaut z.T mit abgeschabt, bzw. verletzt, woher auch oft die Empfehlung rührt, erst nach 3 Zyklen nach einer Ausschabung wieder schwanger zu werden, da sich die Gebärmutterschleimhaut erst wieder aufbauen muss.

Nach kurzer Überlegung war für uns klar, ich will abwarten. Ich will mich in Ruhe verabschieden können. Mich mit dem Gedanken abfinden können, dass du nicht mein erstes Kind sein wirst, dass ich aufwachsen sehe.

Und dass war das zweite Geschenk von dir. Durch dich konnte ich schon erste Erfahrungen sammeln, wie sich Wehen anfühlen. Wie es sich anfühlt, nicht mehr Herr über seinen eigenen Körper zu sein. Du hast mir so die Angst vor der Geburt von deinem Bruder zum Teil genommen.
Es ging dann aber doch nicht so leicht wie wir uns das vorgestellt hatten.
Zuerst war es sehr schwierig überhaupt einen neuen Frauenarzt zu finden, der bereit war, die natürliche Fehlgeburt zu begleiten. Wobei begleiten das falsche Wort ist. Eigentlich hatten wir ja nur einen Arzt gesucht, der noch einmal bestätigt, dass der erste Arzt keinen Fehler gemacht hat und dann später nach der natürlichen Fehlgeburt eine abschließende Ultraschalluntersuchung macht und bestätigt, dass der Abgang vollständig war. Die eigentliche Geburt sollte nur meine Hebamme Isabelle begleiten. Nach dem Isabelle insgesamt 10 Ärzte abtelefoniert hatte, hatten wir endlich jemanden gefunden, der dazu bereit war. Die anderen haben uns entweder direkt noch am Telefon versucht zu einer Ausschabung zu überreden oder abgelehnt, die Verantwortung bis zum ersten Untersuchungstermin bei Ihnen zu übernehmen.
Es war nicht mit zwei-drei Tagen warten getan. Nach drei Wochen hat Isabelle gemeint, dass wir uns vielleicht doch einmal einen Endpunkt setzen sollten, bis wohin wir noch warten sonst lassen wir doch einen Ausschabung machen. Wir wollten noch bis zur nächsten Woche warten. In der Zwischenzeit bin ich auch wieder arbeiten gegangen. Mir wäre sonst zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen. Donnerstags morgens hatte ich dann irgendwann starke Rückenschmerzen bekommen, die aber regelmäßig kamen und gingen. Wehen können halt auch in den Rücken ausstrahlen. Meinen Arbeitskollegen war das dann nicht mehr so geheuer. Ich bin dann nach Hause gefahren. Nach einem Telefonat mit Isabelle habe ich dann auch auf meinen Yogakurs an dem Abend verzichtet und bin lieber zu Hause geblieben. Isabelle hat gesagt, dass ich sie jederzeit anrufen könnte, wenn es richtig losgeht, auch nachts.
Um 4:30 Uhr Freitag morgens waren die Wehen dann stärker. Ich habe dann Isabelle angerufen und deinen Papa wachgemacht. Der hat uns zuerst mal Tee aufgesetzt. Er hat dann in seinem „Superman“-Schlafanzug auch noch für einen Lacher gesorgt, als Isabelle gemeint hat, dass das das erste mal sei, dass „Superman“ ihr einen Tee serviert.
Isabelle hat mich dann mit Massagen und guten Worten durch die Wehen begleitet. Das Ganze hat gefühlt ewig gedauert. Irgendwann so gegen 10 oder 11 Uhr morgens habe ich dann Schmerzmittel genommen, weil es nicht mehr zum Aushalten war. Die Wehen kamen, aber gingen übergangslos ineinander über. Es gab keine Pausen dazwischen, aber es tat sich nichts. Nach einer Stunde, dein Papa war schon ganz nervös, haben auch Isabelle und ich eingesehen, dass wir so nicht mehr weitermachen können. Wir haben also doch noch einen Krankenwagen gerufen. Dein Papa hat schnell ein paar Sachen in eine Tasche für mich gepackt und schon war der Krankenwagen vor der Tür. Im Krankenhaus angekommen, hatte die sehr nette aber resolute Ärztin vom Typ russische Kugelstoßerin gesagt, wir sollten zuerst mal eine Urinprobe in den Becher machen. Ich weiß bis heute nicht, ob das zum normalen Vorgehen gehört oder ob es mich nur mal ablenken sollte. Auf der Toilette dann ging es tatsächlich los. Auf dem Untersuchungsstuhl, haben wir dann die Ärztin gefragt, ob wir dich denn mit nach Hause nehmen könnten. Sie hat dann nur genickt und gesagt, dass da nix gegen spricht. Wir hatten dafür extra eine kleine Pappschachtel mitgebracht, die ich zu Hause schon bereit gelegt hatte. Nach der Untersuchung bin ich dann auf eigene Verantwortung wieder aus dem Krankenhaus nach Hause gegangen. Auf die Nachgeburt haben wir dann dort gewartet. Wir waren alle drei ziemlich fertig. Isabelle hat mich noch gut in einer Decke eingepackt und uns dann alleine gelassen. Sie hat dann am nächsten Morgen (Samstags) dann noch mal nach mir gesehen.

Papa und ich haben dich an diesem Tag zu deinem Opa in den Friedwald gebracht. An diesem Baum werden auch wir irgendwann einmal unsere letzte Ruhestätte finden. Ein tröstlicher Gedanke, dass wir dann wieder zusammen sein werden.

Hier hast du mir dann das dritte und wichtigste Geschenk gemacht. Dein Papa hat genauso um dich getrauert, wie ich. Er hat dich genauso gewollt, wie ich auch. Er hat also nicht nur um zu halten, ja zu einem Kind gesagt, sondern weil er es auch wollte. Und dies hätte ich ohne dich nie mit Sicherheit sagen können.

Ich danke dir vielmals für diese Geschenke

Deine Mama